Kultur | Das Lektorat – mehr als nur lesen


Für viele Literaturliebhaber verspricht der Beruf des Lektors die Erfüllung eines Lebenstraumes: vom Lesen zu leben, mit der eigenen Leidenschaft für das geschriebene Wort Geld zu verdienen und dabei der Liebe zu Literatur und Büchern frönen zu können. Aber was genau sind eigentlich die Aufgaben eines Lektors und ist der Arbeitsalltag wirklich so paradiesisch, wie viele ihn sich vorstellen? Gibt es eine Ausbildung oder ein spezielles Studium? Und: was liest man als Lektor? 


Als Lektorat bezeichnet man im Wesentlichen die Berufstätigkeit als Lektor, aber auch das tatsächliche Bearbeiten eines Textes. Um den Beruf eines Lektors zu erlernen, gibt es keine spezielle Ausbildung oder ein Studium, vor allem Absolventen aus geisteswissenschaftlichen Fächern sind im Bereich des Lektorats anzutreffen. Das Tätigkeitsfeld geht dabei weit über das „bekannte“ Spektrum des Lesens, Korrigierens und Editierens von Texten hinaus und beinhaltet nicht nur den Kontakt mit dem Autor und die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Werk, sondern auch die Programmarbeit, das Projektmanagement und die grobe Kostenkalkulation, was Auflage, Format und Verkaufspreise im Verlag betrifft.

Das Verlagsjahr
Vor allem die Programmarbeit nimmt einen überraschend großen Teil der Arbeit eines Lektors in Anspruch. Der Lektor plant das Verlagsjahr ausgehend vom festgesetzten Erscheinungstermin eines Buches und den beiden großen Buchmessen (Leipzig und Frankfurt). Die meisten Bücher erscheinen ca. einen Monat vor den Buchmessen, also im Februar und im September. Etwa 1 Jahr im Voraus geht es in die Phase der aktiven Autorenakquise, in der der Lektor unterschiedliche Texte liest und bewertet, um im Anschluss die Autoren anzusprechen und bestenfalls für den Verlag zu gewinnen. In der später folgenden Lektoratskonferenz werden die Vorschläge für neue Bücher präsentiert und diskutiert. Hier stehen auch bereits erste Fragen nach der möglichen Vermarktung auf der Tagesordnung. Hat sich die Konferenz für mehrere Werke entschieden, beginnt das eigentliche Lektorat, also das Lesen und Redigieren des Manuskripts. Etwa 7-8 Monate vor dem geplanten Erscheinungstermin widmet sich der Lektor dem Klappentext und kümmert sich gemeinsam mit einem Graphiker um die Umsetzung des Covers. Sobald Cover und Klappentext stehen, beruft der Lektor eine sogenannte Vertreterkonferenz ein, in der er den Handelsvertretern (die später das Verlagsprogramm an die Buchhändler weitertragen) die neuesten Werke aus dem Verlag vorstellt. 4-5 Monate vor dem Erscheinungstermin ist das Manuskript nahezu fertig lektoriert, die ersten Vorschauen und Leseexemplare werden verschickt und die Handelsvertreter beginnen ihre Tour durch die Buchhandlungen. In den letzten 3 Monaten geht das fertige Manuskript dann schließlich in die Herstellung und das Buch wird gedruckt. Dies geschieht in der Regel so spät wie möglich, um eventuelle Lagerkosten zu sparen. Pünktlich zur Leipziger Buchmesse im März jeden Jahres und zur Frankfurter Buchmesse im Oktober präsentieren die Verlage abschließend ihre neuen Titel.

Die Textredaktion

Obwohl die Erstellung des Verlagsprogramms sicher zu den umfangreichsten Aufgaben eines Lektors gehört, steht der Beruf in den Köpfen der meisten Menschen noch immer für das Lesen und Bearbeiten eines Textes: die sogenannte Textredaktion. Diese umfasst allerdings, wie bereits angedeutet, nur einen kleinen Teil der Arbeit und nimmt ca. 3 Monate eines Verlagsjahres in Anspruch. Der Lektor filtert zunächst die im Text zu bearbeitenden Ebenen heraus. In der Regel betrifft dies den Inhalt, die Sprache, den Stil, die erkennbaren Eigenheiten des Autors und die Logik im Text. In vielen Fällen widmet der Lektor sich aber auch dem Plot und den Figuren sowie dem zeitlichen Ablauf der Ereignisse. Im Großen und Ganzen erhält das Manuskript in dieser Phase seinen Feinschliff.

Kreativität, Sorgfalt und Durchhaltevermögen
Doch was braucht es für einen „nicht-erlernbaren“ und so umfangreichen Beruf, wie den des Lektor? Zuerst einmal ist zwar nützlich (aber nicht ausreichend!), nur gerne, schnell und viel zu lesen. Vor allem ein kritisches und eingreifendes Lesen ist Voraussetzung für die erfolgreiche Ausübung des Berufs. Außerdem sollte ein Lektor ein Faible und ein Gefühl für Sprache, ein großes Interesse an Literatur und dem Literaturbetrieb, Kreativität, eigenverantwortliches und sorgfältiges Arbeiten sowie ein Gespür für Stile, Trends und Entwicklungen mitbringen, um den hohen Anforderungen zu genügen. Neben einem geisteswissenschaftlichen Studium sind auch Weiter- und Selbstbildungsmaßnahmen im Rahmen von zusätzlichen Kursen und Praxisworkshops von großem Vorteil.

Nicht vorenthalten werden sollten an dieser Stelle aber auch die Schattenseiten. Für viele ist die Arbeit als Lektor pure Leidenschaft für das geschriebene Wort. Allerdings ist die Tätigkeit in der Realität leider schlecht bezahlt, zeitaufwändig, teilweise einsam und besonders im freiberuflichen Bereich eher unsicher. Die Arbeit beinhaltet vergleichsweise wenig Kontakt mit direkten Kollegen und die Wertschätzung für das Lektorat ist trotz der wichtigen Rolle für die Verlagsarbeit für meinen Geschmack zu gering. Wer dennoch gerne im Verlagswesen Fuß fassen möchte, sich allerdings nicht mit den Unsicherheiten anfreunden kann, sollte sich auch einmal andere Verlagsabteilungen ansehen. Bereiche wie Rechte & Lizenzen, die Pressearbeit, das Marketing oder der An- und Verkauf sind  mögliche Einsatzfelder für literaturbegeisterte Berufseinsteiger. Eine weitere Möglichkeit fernab vom Verlagswesen bilden außerdem der klassische Buchhandel, wissenschaftliche Institute, Kulturstiftungen, Museen und Archive. Dem geschriebenen Wort kann man so, in der einen oder anderen Form, dann doch treu bleiben.


Hinweis: Alle hier genannten Details sind selbstverständlich nur beispielhaft. Die Arbeit eines freiberuflichen Lektors unterscheidet sich natürlich von der eines festangestellten Lektors im Verlag und auch die Verlage an sich sind sehr unterschiedlich strukturiert.


© geek’s Antiques by Lilli
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E-Mail: lilli.geeksantiques (at) gmail.com

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