Rezension | Marie Lu – Warcross. Das Spiel ist eröffnet

[Rezensionsexemplar] Die Spielentwicklerin Marie Lu ist den meisten wohl als Autorin der dystopischen Jugendbuchreihe „Legend“ bekannt. Mit dem Auftakt ihrer neuen Dilogie „Warcross – Das Spiel ist eröffnet“ entführt Lu die Leser diesmal in eine Cyberpunk-Welt, in der Videospiele und eSports das Non Plus Ultra sind und die ganze Welt in ihren Bann ziehen. Besonders begeistert sind die Massen von dem interaktiven Virtual-Reality-Game „Warcross“, dessen Meisterschaften weltweit Stadien füllen. Mitten in das Spiel gerät durch einen Zufall Emika Chen, die eigentlich Kopfgeldjägerin ist und ihr Geld nicht immer mit legalen Methoden verdient.


Der Japaner Hideo Tanaka ist seit der Erfindung seines VR-Games „Warcross“ millionenschwer und ein gefeierter Held in der Gaming-Szene. Die bevorstehenden Meisterschaften sind auf der ganzen Welt das Thema auf der Straße und in den Medien. Die besten Spieler sollen sich versammeln und gegeneinander in Teams antreten. Jedes Team erhält dabei Unterstützung von zwei sogenannten Wildcards, also semi-professionellen Spielern, die sich für die Meisterschaften online qualifizieren konnten. Überraschend erhält die junge Kopfgeldjägerin und Hackerin Emika Chen, die sich nach dem Tod ihres Vaters mühsam allein durchschlägt, ein Angebot von Hideo Tanaka höchstpersönlich: sie soll als Undercover-Hackerin an der Warcross-Meisterschaft teilnehmen und einen Cyberangriff auf das Spiel verhindern und aufdecken.

Die von Marie Lu geschaffene Welt ist eine moderne Mischung aus klassischen Jugendbuch-Dystopien wie in „Tribute von Panem“, „Die Bestimmung“ oder „Maze Runner“ gepaart mit der Cyberwelt von „Ready Player One“. Also eine moderne Technik-Dystopie, in der die Schlachten nicht mehr (nur) auf den Straßen, sondern vor allem digital ausgetragen werden. Die Story ist besonders aktuell, eben weil unsere Welt sich rasendschnell in eine ähnliche Richtung entwickelt – was einerseits spannend ist, auf der anderen Seite aber auch etwas beängstigend sein kann. Dieser Zwiespalt, das Schwanken zwischen Fluch und Segen, ist demnach auch ein zentrales Thema in „Warcross“. Die Menschen sind begeistert von den Möglichkeiten einer virtuellen Realität, aber zugleich auch skeptisch und vorsichtig aufgrund der vielfältigen Gefahren, die Hackerangriffe für den Datenschutz und auch das "reale" Leben spielen.


Virtual Reality für alle
Der Einstieg in die Welt von „Warcross“ gelingt recht einfach, obwohl die Erzählform (erste Person Präsens) in den meisten Fällen nicht mein Geschmack ist. Hier ist der Stil aber erstaunlich passend gewählt. Vielleicht liegt es daran, dass Emikas Jagd auf die Bösen der Stadt außerhalb des Spiels wie eine Art "gefährliches Live-Action-Spiel" wirkt und auch die Sequenzen innerhalb von Warcross Live-Zuschauer-Charakter haben. In jedem Fall rauscht die Geschichte ab einem gewissen Punkt förmlich vorbei und es gibt nur wenige Atempausen zwischendurch. Etwas enttäuschend ist allerdings die Tatsache, dass das hochgelobte und weltweit gefeierte Spiel „Warcross“ im Kern eigentlich ein simples „Capture the Flag“-Game ist und bis auf die Virtual-Reality-Elemente nicht besonders viel zu bieten hat. Hier hätte ich mir mehr gewünscht. Da aber oft gerade die simplen Spiele zum Dauerbrenner werden, weil sich einfach die meisten Menschen dafür begeistern können, ist die Wahl des Spiels aber durchaus realistisch.


Im weiteren Verlauf tauchen wir gemeinsam mit Emika weiter in das Spiel und die Hintergründe ein, lernen den jungen Spieleentwickler Hideo Tanaka persönlicher kennen und verfolgen dabei die Spur des geheimnisvollen Hackers, der sich „Zero“ nennt, bis in die verbotenen Untiefen des Cybernetzes. Unterstützung erhält Emika von ihrem Teamkollegen aus der Meisterschaft, bei denen die Unterscheidung zwischen Freund und Feind auch nicht immer leichtfällt. Erschwert wird die Einschätzung dadurch, dass viele der Nebencharaktere farblos bleiben und man wenig über die persönlichen Hintergründe erfährt, die den Charakter der jeweiligen Person formen. Allerdings ist dieser Umstand zum Ende hin schnell vergessen, da sich eine unerwartete Wendung an die nächste reiht. Die wirklichen Stärken des Buches liegen also weniger in den Charakteren und dem Worldbuildung, die beide solide, aber nicht herausragend sind. Dafür glänzt „Warcross“ mit einem gut durchdachten Aufbau der Haupterzähllinie und grandios eingewobenen Plottwists. Der erste Band endet dementsprechend mit einer heftigen Enthüllung, einem fiesen Cliffhanger und lässt einige Fragen unbeantwortet. Band 2 wird diese Lücken hoffentlich schließen.

Der erste Teil der Dilogie „Warcross – das Spiel ist eröffnet“ ist eine rasante Cyberpunk-Dystopie mit kleinen Mängeln, im Großen und Ganzen aber ein spannendes Jugendbuch vor allem für Gaming-affine Leser, aber auch alle, die sich auf eine neuartige virtuelle Realität einlassen wollen und sich nicht von der einen oder anderen technischen Beschreibung abschrecken lassen.


Literaturverweis:
Lu, Marie (2018): Warcross – das Spiel ist eröffnet. Bindlach: Loewe Verlag

Buchdaten:
Einband: Hardcover
Seitenzahl: 416
Altersempfehlung: ab 14 Jahre
Erscheinungsdatum: 17.09.2018
Sprache: Deutsch
Verlag: Loewe
ISBN: 978-3-7855-8772-0


Ich habe dieses Exemplar von Loewe als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank dafür! Die Buchdaten sind der Verlagshomepage entnommen.


© geek’s Antiques by Lilli
lilli (at) geeksantiques.de
geeksantiques.de

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen